SCHMERZTHERAPIE
Die Einstellung zum Schmer z und damit auch zur Schmerztherapie hat sich im Laufe der letzten Jahrhunderte entscheidend gewandelt. Während im Mittelalter das Ertragen von Schmer z oft als Nähe zum Schicksal Jesus Christi erlebt und vom Umfeld gewürdigt wurde und somit das Erdulden von Schmer z eine ehrenvolle und von Gott auferlegte Bürde war, änderte sich diese Ansicht im Rahmen der Aufklärung und der folgenden Jahrhunderte bis hin zur heutigen Einstellung, daß ein Schmer z, der über ein gewisses Maß hinausgeht und der vor allen Dingen einen gewissen zeitlichen Rahmen überschreitet, eine Art Fehlfunktion des menschlichen Nervensystems und damit eine zu korrigierende Krankheit darstellt.
Nach einer Studie der
Weltgesundheitsorganisation gaben 30% der Befragten an, daß sie im
zurückliegenden Jahr mindestens sechs Monate lang "die meiste Zeit" unter Schme
rzen litten. Neben dem Leid der
Betroffenen verursachen chron
ische Schme
rzen enorme volkswirtschaftliche Kosten. Allein die schmerzbedingten
Arbeitsausfälle summieren sich in Deutschland innerhalb eines Jahres auf ca. 20
Milliarden Euro.
Die Bundesregierung kommt in einer Studie zum Ergebnis, daß ein erheblicher Teil
der Patienten mit chronischen
Schmerzen in
Deutschland bis heute nicht optimal gesundheitlich versorgt werden, obwohl
entsprechende medizinische Kenntnisse und Verfahren verfügbar sind.
In der modernen
Schmerztherap ie
unterscheidet man akute Schmer
zphasen
von chronischen
Schmerzerkrankungen. Akute
Schmerzen
sind meist durch eine Gewebeschädigung hervorgerufen und gehen parallel zur
Ausheilung des Gewebeschadens zurück. Sie sind daher selbstbegrenzend und
erfüllen meist eine sehr sinnvolle Warnfunktion sowie edukatorische Funktionen
(= zwingen häufig in
eine bestimmte Schonhaltung, sie weisen auf die schädliche Wirkung toxischer
Stoffe hin etc.).
Die Therapie akuter Schmer
zzustände, einschließlich der
postoperativen Schmerztherap
ie,
stellt heute ein gut beherrschbares Problem dar, da die zur Verfügung stehenden
Analgetika (=
Schmerzmittel) in der Regel gut
wirksam sind. Bei sehr starken Schmerzzuständen, wie beispielsweise nach einer
Operation, kommen häufig auch
Opioide (=
morphinähnliche Medikamente)
erfolgreich zum Einsatz.
Die eigentliche Herausforderung in der Schmerztherapie stellen hingegen chronische Schmerzen (= lang andauernde Schmer zen) dar. 1986 wurde von der „Internationalen Gesellschaft zum Studium von Schmer z“ (IASP) folgende Definition für den Begriff Schmer z festgelegt: „Schmer z ist ein unangenehmes Sinnes- oder Gefühlserlebnis, das mit aktuellen oder potentiellen Gewebsschädigungen verknüpft ist oder mit Begriffen solcher Schädigungen beschrieben wird.“ Diese Definition berücksichtigt die Beobachtung, daß es bei chronischen Schmerzen häufig zu einer Entkopplung der Schmerz en von der Gewebsschädigung kommt bzw. es keine nachweisbare primäre Gewebsschädigung (mehr) gibt.
Die Therapie von chronischen Schmerz en wirft erhebliche diagnostische (= Erkundung der Schmerzursache), sozialmedizinische (vor allem arbeitsmedizinische) und therapeutische Probleme auf.
Aufgrund dieser komplexen Problematik entstand zunehmend das Bedürfnis nach einer zusätzlichen Qualifikation zur Betreuung dieser chronischen Schmer zpatienten. 1996 wurde von der Bundesärztekammer in Deutschland die Zusatzbezeichnung „Spe zielle Schmerztherap ie“ verabschiedet.
Die Speziel le Schmerztherapie umfaßt die gebietsbezogene Diagnostik und Therapie chronisch schmerzkranker Patienten, bei denen der Schmer z seine Leit- und Warnfunktion verloren und einen selbständigen Krankheitswert erlangt hat.
Weiterbildungszeit zur Erlangung der Gebietsbezeichnung "Speziel le Schmerztherapie":
Weiterbildungsinhalte für die spez ielle Schmerztherapie:
Der Chefarzt der Schmerzklini k am Ar kauwald hat die volle Weiterbildungsermächtigung für das Fachgebiet "Spezielle Schmerztherapie".
In Bad Mergentheim findet in Zusammenarbeit mit medikolleg zwei mal jährlich die 80-stündige standardisierte, theoretische Weiterbildung für die Zusatzbezeichnung "Spezielle Schmerztherapie" statt. Diese Weiterbildung zeichnet sich durch Praxisnähe aus, in dem zu den jeweiligen Krankheitsbildern auch Patienten vorgestellt werden. Darüber hinaus werden in der Schmerzklini k am Ar kauwald spez ielle Behandlungsmethoden demonstriert.
Folgende Krankheitsbilder sollten sinnvollerweise im Rahmen der speziellen Schmerztherapie“ behandelt bzw. mitbehandelt werden:
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Kopfschmerzen: Migräne mit Aura, Migräne ohne Aura, Cluster-Kopfschmerz, |
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Gesichtsschmerz: Trigeminusneuralgie, atypischer Gesichtsschmerz, |
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Costen-Syndrom (myofaziale Dysfunktion), Dentalgie (= Zahnschmerz) |
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Rückenschmerzen: Zervikobrachialgie (mittleres und unteres HWS-Syndrom |
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Zervikozephalgie, (oberes HWS-Syndrom), BWS-Syndrom, |
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(= Schmer zen nach einer Bandscheibenoperation), Lumboischialgie, Ischiasbeschwerden |
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Piriformissyndrom, Sakralgie, Koccygodynie (= Steissbeinschmerz) |
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Gelenkschmerz: Periarthritis humeroscapularis, chronifiziertes |
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Impingement-Syndrom, Ellenbogenschmerzen, Epicondylopathia |
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radialis und ulnaris („Tennisellenbogen / Golferarm“), |
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Handgelenksschmerzen und Fingerschmerzen, Schme rzen bei Heberdenarthrose, |
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Schmer zen der Sprung- und Fußgelenke |
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Muskuläre Schmerzsyndrome: Fibromyalgie, generalisiertes myofasziales Schmerzsyndrom |
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Ansatztendinose, Tortikollis spasticus (= Schiefhals) |
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Entzündliche Schmerzerkrankungen: bes. rheumatischer Formenkreis |
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Neuropathischer Schmerz (= durch Nervenschäden verursachter Schmer z): |
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Stumpfschmerzen und Phantomschmerz, Kausalgie (CRPS Typ II), Schmer zen |
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nach Schlaganfall, Schmer zen bei kompletter oder inkompletter |
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Querschnittsyndrom (zentrale Schmerzsyndrome), Schmer zen bei Plexusausriss, |
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Schmer zen nach Leistenhernienrevisionen mit Nervenschädigungen, |
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Polyneuropathie, postzosterische Neuralgie (= Gürtelrose), Interkostalneuralgie |
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und andere Neuralgien |
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Sympathalgie (= vom sog. autonomen Nervensystem ausgehende Schme rzen): |
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Viszerale Schmerzsyndrome: insbesondere Bauchschmerz bei |
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Verwachsungsbauch sowie bei nicht eindeutig zuzuordnenden und |
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daher nicht kausal (= ursächlich) angehbaren Bauchschmerzen |
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Ischämischer Schmerz (= Schmer z aufgrund schlechter Durchblutung) ohne Möglichkeit |
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einer kausalen (= auf die Ursache gerichteten) Therapie bzw. Begleittherapie |
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Psychogene Schmerzerkrankungen: somatoforme Schmerzstörung |
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Algogenes Psychosyndrom (= beschreibt die Eingrenzung und Zentrierung |
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des persönlichen Erlebens auf die Schmerzerkrankung) |
Die „Spezielle Schmerztherapie“ ist aufgrund der Beeinträchtigung sowohl körperlicher als auch seelischer und sozialer Fähigkeiten durch eine chronische Schmerzerkrankung auf multimodale Therapiekonzepte ausgelegt. D.h., daß neben körperlichen Therapien wie Medikamenten (u.a. Schmerzmittel, Psychopharmaka), Spritzentherapien, Krankengymnastik, anderen körperlichen Anwendungen, Chirotherapie, oder Akupunktur auch psychologische Verfahren zur Schmerzbehandlung eingesetzt werden sollten. Hierbei haben sich insbesondere Entspannungstechniken (Progressive Muskelentspannung nach Jacobson und Autogenes Training) sowie die Auseinandersetzung mit Verfahren der Schmerzbewältigung als sinnvoll herausgestellt. Da solche Therapiekonzepte sehr aufwendig und kostspielig sind, ist oft eine ambulante, spezielle Schmerztherapie - besonders in Zeiten der Kosteneinsparung im Gesundheitswesen - nicht durchführbar.
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Aktualisiert: 24.09.2006 k
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